Das Degode-Haus

Das Degode-Haus an der Adresse Markt 24. © OTM/Mario Dirks

Für viele Menschen, die in Oldenburg wohnen oder hierher zu Besuch kommen, ist das Degodehaus im Stadtzentrum in erster Linie eine Attraktion. Als einziges mittelalterliches Haus, das den großen Stadtbrand von 1676 unbeschadet überstanden hat, wird es vor allem für seine über 520-jährige Geschichte und die Fachwerkfassade bewundert.

Das älteste dokumentierte Foto des Hauses aus dem Jahr 1880. © Alt-Oldenburg/Lore und Peter Bachmann

Weniger bekannt ist, dass das Haus bis heute kolonialistisch geprägt ist. Im Inneren, wo sich heute ein Schuhgeschäft befindet, kann noch immer das 1645 entstandene Deckengemälde betrachtet werden. Dieses wurde vom damaligen Besitzer Hermann Mylius von Gnadenfeld in Auftrag gegeben und offenbart einen eurozentrischen und rassistischen Blick auf die damals in Europa bekannten Erdteile. Die jeweils symbolisch für Asien, Afrika, Amerika und Europa entworfenen Bilder zeigen vermeintlich „wilde Naturverbundenheit“ im Kontrast zu angeblichem „zivilisatorischen Fortschritt“. Das Gemälde dient somit als Propagandamittel, um europäische Herrschaftsansprüche gegenüber „fremden“ Kulturausprägungen zu rechtfertigen und außereuropäische Gesellschaften als „rückständig“ oder „barbarisch“ abzubilden.

Ausschnitt aus dem Deckengemälde mit der Abbildung von „America“. © OTM/Verena Brandt

Ausschnitt aus dem Deckengemälde mit der Abbildung von „Africa“. © Torben Mauch

Als 1860 der aus Phiesewarden stammende Landschaftsmaler, Kaufmann und Namensgeber des Hauses Wilhelm Degode das Gebäude übernahm, eröffnete er dort eine „Kolonial- und Manufakturwaren-handlung“. Bis in das 20. Jahrhundert hinein verkaufte die Familie Degode hier erbeutete Güter aus den deutschen Kolonien, vorrangig Kaffee.

Wilhelm Degode (1862-1931) im Jahr 1899.

Bis heute zeigen weder die aktuellen Besitzer:innen des Hauses noch die Stadt Oldenburg die notwendige Bereitschaft, sich mit der kolonialen Vergangenheit des Ortes auseinanderzusetzen oder diese öffentlich aufzuarbeiten. Zu groß ist vermutlich die Furcht, einen Schatten auf das Bauwerk zu legen, das seit langem als Magnet für Tourist:innen dient.